Da ist es! İki Bin On Üç! 2013!
Das neue Jahr hat begonnen, aber bei
uns in der Kosuyolu Caddesi geht alles weiterhin seinen gewohnten
Gang... Nun, das stimmt nicht ganz. Lasst mich euch von den neusten Ereignissen berichten.
Sagen wir es so, im Haus sind ein paar
„Kämpfe“ unterschiedlicher Natur ausgebrochen. Also da gäbe es
einmal unsere streng muslimische Nachbarin von Gegenüber, die uns
jeden Tag neue Leckereien aus ihrer Küche vorbeibringt. Wir müssen
dann natürlich kontern und ihr auch etwas geben, wobei sie dann aber
am nächsten Tag mit weiterem Essen vor der Türe steht, um uns zu
übertrumpfen. Daraus scheint sich fast ein kleiner Wettstreit
entwickelt zu haben und bevor sie letztens zu uns zu Besuch kam,
wurde erst einmal zwei Stunden lang geputzt! Tja wir wollen ja mal
sehen, wer hier die besser Hausfrau ist!!
Die Nachbarn, die unter uns wohnen,
haben uns vor ein paar Tagen dann auch offen den Krieg erklärt.
Beschwert haben sie sich jetzt ja schon mehrere Male, dass wir abends
um 18 Uhr (!!!) so laut waren. Wir hatten ihnen anscheinend zu
fröhlich gelacht. Kein Wunder, alles was von unten heraufkommt, sind
zankende Laute oder das Weinen ihres Kindes. Wirklich traurig. Als
sie nun vor ein paar Tagen nachts um halb eins wieder so einen Lärm
veranstalteten, beschlossen wir einmal den Spieß umzudrehen und nach
unten zu klopfen. Nunja sei es türkisches Temperament oder ein
wirklich schwieriger Nachbar, zwei Sekunden später klopfte und
klingelt es an die Haustür. Dem folgten Schimpfwörter, die ich hier
nicht wiederholen möchte. Auf jeden Fall hat Seyda nun ihrem
Freund und ihrem Bruder von dem Nachbarn erzählt und, wenn das so weiter geht, endet
das hier noch in einer Schlägerei zwischen den guten Männern. Uns selbst wird anscheinend nicht zugetraut,
dass wir uns wehren können, denn wir sind ja nur Frauen. Aber
immerhin hätte unser Wort gegen ihn vor Gericht mehr Gewicht, denn
nach türkischem Recht haben Frauen gegenüber Männern zu 70% Recht.
Und unser Nachbar hat halt (im Gegensatz zu uns) auch keine Bildung,
so Seyda. Na, wenn wir in solchen Mustern denken, dann möchte ich
hier gleich mal anmerken, dass ich noch dazu Europäerin bin!!
Ach ja, dieses Haus bietet so viel
Potenzial, ich könnte allein hierüber schon meine Bachelorarbeit
schreiben.
Wie ihr seht, die Nachbarn sind also
schwierig, aber zumindest in unseren eigenen vier Wänden geht es uns
gut. Meiner Meinung nach hat sich unsere Wohnqualität um 50%
gesteigert, denn wir können ein paar neue Lampen aus Ikea vermerken,
die wir auf meinen Wunsch nach etwas gemütlicherem Licht nebst
unseren krankenhausähnlichen Lichtverhältnissen gekauft haben. Was
die Wohnqualität dann aber wiederum um 50% reduziert, sind eine
leistungsschwache Heizung (fünf Kleidungsschichten sind bei mir
gerade keine Seltenheit) und ein Dusche, die nach 20 Sekunden heißem
Wasser abkühlt.
Aber bei kürzeren Duschen bleibt mehr
Zeit für andere Dinge, wie z.B. fürs Essen. Denn das gibt es bei
uns ja immer mehr als genug: Entweder die Nachbarin bringt etwas
vorbei, Aliye Teyze kocht für uns oder ihre Schwägerin, deren
Tochter Seyda Nachhilfe gibt, schickt uns etwas mit nach Hause. Nur
Nutella hatten wir diesmal nicht im Haus.Ich hatte es verboten –
aus Selbstschutz! Aber jetzt war ja wieder Prüfungsphase. Zum Glück
hatte ich aber noch gute Aldi 'Nussknacker'schokolade da. Die war
zwar eigentlich als Mitbringsel gedacht, aber egal, ich finde man
muss manchmal einfach ein bisschen egoistisch sein. Und so bestand
Mittwoch Nacht dann aus Essay schreiben, Schokolade und Maroon 5 in Dauerschleife. Pünktlich vier Minuten vor
der Deadline hatte meine Dozentin dann auch meine Hausarbeit in
Hände und ich saß ganz glückselig in der Bibliothek und radierte
meine Bücher aus. Und so heißt es nun „Goodbye,
Yeditepe!“ Bu kadar – das war's!
Ein kurzes Resümee: Was habe ich
aus meiner Zeit an der Yeditepe mitgenommen?
Nun neben schlechtem Nescafe, einer
neuen Freundschaft mit dem Mann vom Copy Center im Juragebäude und
zwei Tagen schneefrei, würde ich sagen, dass ich nun eine neue
Berufsperspektive gefunden habe: Professorin an der Yeditepe! Ich
kreuze höchstens alle zwei Wochen in meinem Seminar auf, mach in den
drei Stunden Seminar zwei Pausen a mindesten 30 Minuten, die
restliche Zeit erzähle ich über meine Kinder und gebe meinen
Studenten zu lesen, was ich irgendwann mal selbst gelesen hab –
muss aber nicht aktuell sein, kann auch von 1975 sein (in einem Kurs,
in dem es um das Leben in der Türkei HEUTE geht). Besorgen müssen
sie sich die Literatur aber schon selbst und mein Sekretär bringt
mir gefälligst den Kaffee. Ach ja, das wird ein Leben!
Ja okay, zugegeben, ich habe daneben
auch meine Leidenschaft für die Anthropologie entdeckt. Alles wird
jetzt nur noch als „Research“ gesehen, so z.B. auch die
Türkische(n) Hochzeit(en). Ja, im Dezember war ich auf meiner ersten
türkischen Hochzeit. Mein Museumsfreund Sedat hatte mich
mitgenommen. Zuerst sind wir alle zu sechst in ein Auto gequetscht
zum Haus der Braut gefahren. Dort war schon viel los. Traditionelle
Trommler spielten bis die Braut nach draußen kam. Zugegeben hatte
ich zunächst die Tante für die Braut gehalten, völlig berechtigt
wie ich anfangs meinte, denn sie trug ein weißes langes Kleid und
eine Unmenge an Schmuck. Aber dann kam die Braut! Ich denke ihr könnt
euch vorstellen wie das Kleid aussah: Weiß, pompös und glitzernd!
Und dann ging es im Hupkonzert auf zur
Feier! Fragt mich nicht, wo es genau war. Aber es war auf jeden Fall
ziemlich weit auf der europäischen Seite. Den Saal selbst fand ich
ziemlich ungemütlich: weiße Wände, weiße Fließen, und dazwischen
ein bisschen Lila und Silber. Das Hochzeitspaar saß auf einem
kleinen erhöhten Bereich neben der Bühne, der mit roten, grünen
und blauen Neonröhren und Herzen beleuchtet wurde. Mustafa, Sedats
Freund, lief dann auch erstmal zum nächsten Kiosk, wo er für uns
Getränke und Poca besorgte, denn um ein Catering war es schlecht
bestellt. Nachdem dann alle Gäste da waren, begann das Hochzeitspaar
mit dem Hochzeitstanz. Danach musste man sich aufreihen und die
Geschenke wurden überreicht. Dabei handelt es sich hier meisten um
Geldscheine oder Goldstücke, die an einen Schal, den Braut und
Bräutigam tragen, angeheftet werden. Das wurde alles von einem Herren
auf der Bühne laut vorgetragen und zudem auf Video übertragen,
damit auch jeder mitbekommt, wie viel geschenkt wird. Dann gibt’s
dann ein kurzes Foto mit dem Brautpaar, das man später als
Erinnerung käuflich erwerben kann. Achja und eine Schale Nüsse
wurde auch auf jedem Tisch verteilt. Danach folgte endlich das
Tanzen. Ich stürzte mich genau dann auf die Tanzfläche, als ein
etwas schwieriger Volkstanz kam (also einer bei dem man mitzählen
muss: zwei nach links, zwei nach rechts usw.). Aber als erprobtes
Funkenmariechen war das ja kein Problem für mich. Eher das türkische
„Rumgeschnipse“ – damit will ich nicht so ganz warm werden.
Aber da kamen ja eh erstmal wieder die Trommler zum Zug, während wir
Gäste dann tatsächlich je ein Stück Kuchen und ein kleines Glas
Pepsi bekamen. Mir fällt es schwer einzuschätzen, wie viele Leute
da waren. Vielleicht so um die Hundert. Jedenfalls viele Frauen mit
Kopftüchern. Es war sowieso
insgesamt eine ziemlich traditionelle und typische Hochzeit – was
manch einen verwundern mag, der Raki und wilde Tänze erwartet. Und
ja, die gibt es auch, aber insgesamt sind wohl doch viele türkische
Familien noch recht traditionell muslimisch in dem Sinne, dass es auf
der Hochzeit keinen Alkohol gibt.
Ich hätte euch gerne das bessere Video eingestellt, aber das ist leider zu groß! Aber immerhin ein kleiner Eindruck:
Habe ichim Dezember also eine Feier
mitbekommen, so habe ich am letzten Wochenende eine Trauung
miterlebt. Die fand im Stadtteil Fatih statt, im großen
Kulturzentrum. Dort werden Hochzeiten im Akkord abgehalten, denn es
gab drei Räume, in denen parallel Trauungen stattfanden. Und war die
Trauung vorbei, versammelten sich alle Gäste im Vorraum, wo dann die
Geschenke überreicht wurden, während im Saal selbst dann schon eine
neue Trauung statt fand. Diesmal waren wir leider nicht zur Feier
danach eingeladen, aber ich konnte zumindest ein geschmackvolles
Porzellanei abstauben, ein kleines Dankeschön des Brautpaares, wie
uns der glückliche Vater des Bräutigams erklärte - glücklich
darüber seinen Sohn endlich verheiratet zu haben. Schließlich ist
er ja schon Mitte 30!!
 |
| Schnee in der Kosuyolu Caddesi |
Nach diesem rasanten Start ins neue
Jahr mit Schneesturm, türkischer Hochzeit, Nächten des
Hausarbeitsschreibens, Besuch, der mir bewies, dass Chili con Carne
auch als Chili sin Carne schmecken kann und einem für meine
Verhältnisse relativ unmelancholischen Silvester, freue ich mich
jetzt über meine Ferien und die weiteren sechs Monate, die hier in der
Türkei vor mir liegen. Heute, einem ersten Moment der Ruhe, fängt
das neue Jahr erst richtig für mich an. Von daher meine Lieben:
MUTLU YILLAR!!