Ja
da strahlt sie, unser glückliches Geburtstagskind!
Und
natürlich hatte ich mich extra für diesen Anlass in Schale
geschmissen, was dann auch mit vielen Komplimenten gelobt wurde. Aber
kurz darauf ging es los: „Warum trägst du denn keinen
Lippenstift?“ Wieso wusste ich, dass diese Frage kommen würde?!
Ich erklärt ihr, dass ich als armer Student mir in Istanbul bisher
keinen geleistet habe, und ihr glaubt es kaum, innerhalb der nächsten
24 Stunde war ich gleich im Besitz zweier neuer Lippenstifte, einer
davon war sogar ein Geburtstagsgeschenk gewesen. Ach Aliye Teyze,
man verschenkt doch nichts weiter! Aber nachdem mit der Schenkerin
lautstark diskutiert und offiziell entschieden wurde, dass ich diesen
Lippenstift erhalten sollte, und er mir feierlich überreicht wurde,
konnte ich mich auch nicht mehr wehren. Dafür habe ich dann aber brav den Kuchen gegessen. Natürlich gab es nicht nur
Kuchen – das hätte auf einem Geburtstag der lieben Aliye ja auch
stark verwundert: Erst bekam jeder(!!) einen Teller voller Börek und
Kekse, dann erst folgte der Schokokuchen.
Statt
fand der Geburtstag übrigens in einem Café bei uns in Kosuyolu mit
dem passenden Namen „Titiz“-was so viel heißt wie Ordnungsliebe
bzw. die Liebe zur Reinlichkeit. Na nichts trifft meine liebe Aliye
besser, stand sie doch letztens in ihrer Haustüre und war den Tränen
nahe, denn jeden Tag müsse sie putzen, sie sei es so leid – guter
Gott, stellt euch vor diese Frau hätte auch noch Kinder!
Kinder
waren auf dem Geburtstag übrigens auch anwesend, aber ich
bevorzugtes es den anderen die Bespaßung des kleinen Babys zu
überlassen – wer weiß auf was für Ideen Aliye Teyze sonst noch
gekommen wäre. Emsile Abla bot auch schon an mir einen türkischen
Ehemann zu suchen. Ohja super Idee!
Wichtig
waren an diesem Tag auch die Fotos und Aliye Teyze hatte im Laden
nebenan einen „super“ Hintergrund gefunden, findet ihr nicht
auch?
Mein
Geschenk war zwar kein BH, aber dafür habe ich ihr mit ganz viel
Liebe eine Karte geschrieben und wunderschöne Blümchen, Wölkchen
und eine Sonne dazu gemalt. Ach, was hat sie sich gefreut. Es hängt
jetzt in ihrer Küche und ich warte nur auf den Tag, dass irgendwer
fragt, wie alt das Kind denn sei, das diese Karte geschrieben hat.
Meine guten Sarrotti-Pralinen dahingegen wurden aus der hübschen Box
genommen und in einer Plastiktüte nach Hause transportiert. Nunja
wir sind halt eben immer noch in der Türkei – ohne Plastiktüten
geht einfach nichts.
Dieses
Kaffeetrinken hatte sie einen Tag vor ihrem eigentlichen Geburtstag
veranstaltet, es hieß also am nächsten Tag noch einmal die gute
Aliye zu bespaßen. Mit dem zweiten Lippenstift in der Hand stürmte
sie am nächsten Tag unsere Wohnung und es ging auf nach Küçüksu.
Der Verkehr war furchtbar, aber glaubt mir, Aliye Teyze weiß es auch im völlig überfüllten Bus einen Sitzplatz zu ergattern.
Zunächst besuchten wir den alten Jagdpalast und Aliye Teyze betrieb
mal wieder Heiratsmark. Aber erfolglos, denn, so erklärte sie dem
heiratswilligen Museumsführer, wir seien für ihn leider nicht zu
haben. Seyda sei verlobt, ich Ausländerin und Zeynep schlichtweg zu
schlau für ihn. Ja ich, die Ausländerin - das durfte ich an diesem
Tag auch noch ein zweites Mal spüren: Auf der Rückfahrt hatten wir
einen äußerst temperamentvollen Busfahrer (vom schwarzen Meer
meinte Seyda, denn da seien die alle so), der lauthals alle
Mitfahrenden anbrüllte, damit sie sie ja nicht noch einmal
ausversehen den Halteknopf drücken, obwohl sie gar nicht aussteigen
wollen. Nunja was macht Marina? Dreimal dürft ihr raten? Bingo, den
Halteknopf drücken! Ich dachte zwei Damen möchten aussteigen,
stattdessen wollten sie mich aber nur warnen – tja dafür war es
dann zu spät. Der Bus hielt, keiner stieg aus und der Busfahrer
drehte sich mit drohender Miene nach hinten um – ich glaube, nie
war mein Handy spannender gewesen! Und dann hieß es: „Der yabancı
(Ausländer) wars!“ Na super! Schon richteten sich alle Blicke auf
mich. Ich versuchte mein bestes Lächeln. Der Busfahrer schenkte mir
einen bösen Blick, mehr aber auch nicht- ich hätte es ja eh nicht
verstanden. Oder er hat gewusst, dass sonst Aliye Teyze kommt und
zurück brüllt, denn die ist ja auch vom Kara Deniz (vom Schwarzen
Meer) und ich bin noch dazu ihr „Kızım“ (ihr Mädchen)! Ha!
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