Mittwoch, 1. Mai 2013

Erster Mai

Iyi Bayramlar! Schönen Feiertag euch allen!

Auch hier in der Türkei ist der 1. Mai der Tag der Arbeit. Und es herrscht Ausnahmezustand: die Fähren, die Metro und der Metrobüs fahren nicht, ja man scheint den Bosporus heute gar nicht überqueren zu können. So mussten wir Aliye Teyze soeben erklären, dass sie heute einmal nicht shoppen gehen kann. Ihre Enttäuschung könnt ihr euch vorstellen. Da also sozusagen außer den Demonstrationen alles still steht, haben Seyda und ich beschlossen heute einen „Faulenzertag“ auf Balkonien zu veranstalten!
Mit einem typischen türkischen Frühstück haben wir unseren neuen Balkontisch eingeweiht, dessen Anschaffung mit einem Gespräch everbunden war, bei dem wir einmal wider über die Lebensbedingungen als junger Mensch und gerade als Frau in der Türkei sprachen:
Ich kann beispielsweise kein Bier auf dem Balkon trinken – Alkohol ist im Islam ja verboten und die Nachbarn würden dann schlecht über mich reden. Aus solchen Gründen müssen auch, sobald es dunkel wird, immer die Vorhänge zugezogen werden. Als Frau sollte man keine zu kurzen Sachen tragen, einige Nachbarn dürfen gar nicht wissen, dass auch Männer unsere WG besuchen; andere wie Aliye Teyze wissen zwar, dass Seydas Freund bei uns übernachtet, aber natürlich nur auf der Couch! Auch den Eltern müssen viele junge Menschen etwas vorlügen. Da wir, drei junge Frauen, alleine wohnen, gelten wir für viele als „Flittchen“, weil das sehr ungewöhnlich ist.
Wie anders das doch ist zu meinem Leben in Deutschland – das ist nicht immer einfach, gerade in einer typischen Wohngegend wie Kosuyolu. Aber ich lerne viel über die Menschen hier. 



Und noch mehr habe ich diesen Monat gelernt:
Silvia hatte mich zu einer Ausstellungseröffnung Anfang April eingeladen. Es handelte sich dabei um ein Kunstprojekt zwischen Istanbul und Berlin. Künstler aus Berlin hatten Istanbul besucht und zu ihren Eindrücken Arbeiten angefertigt und ausgestellt, im kommenden Jahr werden dann Künstler aus Istanbul nach Berlin kommen. Eine der Künstlerinnen schien sehr erschüttert, denn sie war gebeten worden einige Teile ihrer Arbeit abzudecken. So musste sie beispielsweise auf ihrer Fotografie das Buch mit dem Titel „Bräute Allahs“ oder zwei schwule Männer (die übrigens völlig bekleidet waren) überdecken. Am wenigsten konnte ich nachvollziehen, dass sie den blanken Hintern ihrer kleine Skulptur namens „Helga“ mit Taschentüchern (!!) umwickeln musste, während die weibliche Bedienung dann im Endeffekt einen kürzeren Rock als die ausgestellte Skulptur trug. Was ist das denn für ein Kunstverständnis ? Andererseits muss ich erwähnen, dass die Ausstellung ins Fatih stattfand, dem konservativsten Stadtteil Istanbuls. Und an jenem Abend waren einige von der Stadtverwaltung anwesend - erklärt allerdings noch weniger den kurzen Rock der Bedienung.



Naja um mich davon zu überzeugen, dass das nicht überall so ist, habe ich diesen Monat auch ein paar andere Kunstgalerien und Museen besucht, wie z.B. das Pera Museum, wo mir in der Sonderausstellung „Between Desert and Sea-A Selection from the Jordan National Gallery of Fine Arts“ besonders dieses Bild ins Auge gefallen ist.


Ganz sympathisch war mir auch der Autor Mehmet Emir, dessen Lesung ich besuchte. Er ist mit 16 Jahren aus einem kleinen kurdischen Dorf nach Österreich gezogen und hat irgendwie alles schon einmal gemacht – Ethnologische Feldforschungen, Theater, die Arbeit mit Jugendlichen etc. Er schreibt eine Kolumne für die österreichische Zeitschrift Augustin mit dem Titel „Briefe an den Vater“, später dann „Briefe an die Mutter“. Seine ethnologische Feldforschung hat er über die Musik in seinem kurdischen Heimatdorf gemacht und dabei sind auch tolle Fotos entstanden. Amüsant berichtete er auch von dem traumatischen Erlebnis seiner Beschendiung und in einem anderen Brief berichtete er seiner Mutter „Mama, die Bauern hier in Österreich finden auch keine Frauen, deshalb gibt es sogar Fernsehsendungen, die vom Staat gefördert werden, damit die Bauernburschen zu ihren Frauen kommen". Wenn ich so auf mein Ausgaben hier schaue, dann stimme ich mit ein, wenn der gute Mann seiner Mutter schreibt: "Mama, ich stehe dazu: Meine Stadt soll durch mich einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben!“.

Daneben gehe ich fleißig zum Türkisch-Kurs und, obwohl ich die wenigsten Vokabeln weiß, rede ich am meisten – naja wohnt eben nicht jeder neben einer gesprächigen Aliye Teyze. Die plant ja schon fleißig meine Hochzeit und meine Kinder (die übrigens blond werden). Das passt ganz gut zu den Zukunftsplänen der anderen Teilnehmer meines Türkisch-Kurses, während ich dem ganzen schon etwas weiter voraus bin und erklärte, "dünyada en iyi anneanne olacagim" - ich werde die beste Oma der Welt: ich hab ein Häuschen im Grünen mit Garten, zwei Katzen, backe immer Kuchen, wir gehen in den Zoo und außerdem werde ich mit meinen Enkeln nur lustige Sachen unternehmen – ach das wird super. So wie auf dem Bild wird das dann, nur dass ich, wie diejenigen wissen, die meine Schaukel-Leidenschaft kennen, auf dem Karussel mitfahren werde.



Aber soweit bin ich wohl noch nicht. Erstmal heißt es Bachelorabschluss...
Deswegen geht es morgen auch wieder ins Büro und „ein Tag [wird] folgen, den ich traurig, lustig, voller Hoffnung, das Elend der anderen spürend, neuen Menschen begegnend verbringen werde“ (Mehmet Emir). 

 

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