Iyi Bayramlar! Schönen Feiertag euch
allen!
Auch hier in der Türkei ist der 1. Mai
der Tag der Arbeit. Und es herrscht Ausnahmezustand: die Fähren, die
Metro und der Metrobüs fahren nicht, ja man scheint den Bosporus
heute gar nicht überqueren zu können. So mussten wir Aliye Teyze
soeben erklären, dass sie heute einmal nicht shoppen gehen kann. Ihre Enttäuschung könnt ihr euch vorstellen. Da also sozusagen außer den
Demonstrationen alles still steht, haben Seyda und ich beschlossen
heute einen „Faulenzertag“ auf Balkonien zu veranstalten!
Mit einem typischen türkischen
Frühstück haben wir unseren neuen Balkontisch eingeweiht, dessen
Anschaffung mit einem Gespräch everbunden war, bei dem wir
einmal wider über die Lebensbedingungen als junger Mensch und gerade
als Frau in der Türkei sprachen:
Ich kann beispielsweise kein Bier auf
dem Balkon trinken – Alkohol ist im Islam ja verboten und die
Nachbarn würden dann schlecht über mich reden. Aus solchen Gründen
müssen auch, sobald es dunkel wird, immer die Vorhänge zugezogen
werden. Als Frau sollte man keine zu kurzen Sachen tragen,
einige Nachbarn dürfen gar nicht wissen, dass auch Männer unsere WG
besuchen; andere wie Aliye Teyze wissen zwar, dass Seydas Freund bei
uns übernachtet, aber natürlich nur auf der Couch! Auch den Eltern
müssen viele junge Menschen etwas vorlügen. Da wir, drei junge
Frauen, alleine wohnen, gelten wir für viele als „Flittchen“,
weil das sehr ungewöhnlich ist.
Wie anders das doch ist zu meinem Leben
in Deutschland – das ist nicht immer einfach, gerade in einer
typischen Wohngegend wie Kosuyolu. Aber ich lerne viel über die
Menschen hier.
Und noch mehr habe ich diesen Monat
gelernt:
Silvia hatte mich zu einer
Ausstellungseröffnung Anfang April eingeladen. Es handelte sich
dabei um ein Kunstprojekt zwischen Istanbul und Berlin. Künstler aus
Berlin hatten Istanbul besucht und zu ihren Eindrücken Arbeiten
angefertigt und ausgestellt, im kommenden Jahr werden dann Künstler
aus Istanbul nach Berlin kommen. Eine der Künstlerinnen schien sehr
erschüttert, denn sie war gebeten worden einige Teile ihrer Arbeit
abzudecken. So musste sie
beispielsweise auf ihrer Fotografie das Buch mit dem Titel „Bräute
Allahs“ oder zwei schwule Männer (die übrigens völlig bekleidet
waren) überdecken. Am wenigsten konnte ich nachvollziehen, dass sie
den blanken Hintern ihrer kleine Skulptur namens „Helga“ mit
Taschentüchern (!!) umwickeln musste, während die weibliche
Bedienung dann im Endeffekt einen kürzeren Rock als die ausgestellte
Skulptur trug. Was ist das denn für ein Kunstverständnis ?
Andererseits muss ich erwähnen, dass die Ausstellung ins Fatih
stattfand, dem konservativsten Stadtteil Istanbuls. Und an jenem
Abend waren einige von der Stadtverwaltung anwesend - erklärt allerdings noch weniger den kurzen Rock der Bedienung.
Naja um mich davon zu überzeugen, dass
das nicht überall so ist, habe ich diesen Monat auch ein paar andere
Kunstgalerien und Museen besucht, wie z.B. das Pera Museum, wo mir in der
Sonderausstellung „Between Desert and Sea-A Selection from the
Jordan National Gallery of Fine Arts“ besonders dieses Bild ins
Auge gefallen ist.
Ganz sympathisch war mir auch der Autor
Mehmet Emir, dessen Lesung ich besuchte. Er ist mit 16 Jahren aus
einem kleinen kurdischen Dorf nach Österreich gezogen und hat
irgendwie alles schon einmal gemacht – Ethnologische
Feldforschungen, Theater, die Arbeit mit Jugendlichen etc.
Er schreibt eine Kolumne für die österreichische Zeitschrift
Augustin mit dem Titel „Briefe an den Vater“, später dann
„Briefe an die Mutter“. Seine ethnologische Feldforschung hat er
über die Musik in seinem kurdischen Heimatdorf gemacht und dabei
sind auch tolle Fotos entstanden. Amüsant berichtete er auch von dem traumatischen Erlebnis seiner Beschendiung und in einem anderen Brief berichtete er seiner Mutter „Mama,
die Bauern hier in Österreich finden auch keine Frauen, deshalb gibt
es sogar Fernsehsendungen, die vom Staat gefördert werden, damit die
Bauernburschen zu ihren Frauen kommen". Wenn ich so auf mein Ausgaben
hier schaue, dann stimme ich mit ein, wenn der gute Mann seiner Mutter
schreibt: "Mama, ich stehe dazu: Meine Stadt soll durch mich einen
wirtschaftlichen Aufschwung erleben!“.
Daneben gehe ich fleißig zum Türkisch-Kurs und, obwohl
ich die wenigsten Vokabeln weiß, rede ich am meisten – naja wohnt
eben nicht jeder neben einer gesprächigen Aliye Teyze. Die plant ja schon fleißig meine Hochzeit und meine Kinder
(die übrigens blond werden). Das passt ganz gut zu den
Zukunftsplänen der anderen Teilnehmer meines Türkisch-Kurses, während ich dem ganzen
schon etwas weiter voraus bin und erklärte, "dünyada en iyi anneanne olacagim" - ich werde die
beste Oma der Welt: ich hab ein Häuschen
im Grünen mit Garten, zwei Katzen, backe immer Kuchen, wir gehen in
den Zoo und außerdem werde ich mit meinen Enkeln nur lustige Sachen
unternehmen – ach das wird super. So wie auf dem Bild wird das dann, nur dass ich, wie diejenigen wissen, die meine Schaukel-Leidenschaft kennen, auf dem Karussel mitfahren werde.
Aber soweit bin ich wohl noch nicht. Erstmal heißt es Bachelorabschluss...
Deswegen geht es morgen auch wieder ins
Büro und „ein
Tag [wird] folgen, den ich traurig, lustig, voller Hoffnung, das
Elend der anderen spürend, neuen Menschen begegnend verbringen
werde“
(Mehmet Emir).

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