Donnerstag, 4. April 2013

Österliche Frühlingfreude

Merhabalar,

man glaubt es kaum, aber ich bin jetzt schon seit über sieben Monaten in der Türkei. Und was hat mich diese Stadt nicht alles gelehrt! Geduld und Ausdauer vor allen Dingen! Sei es im Verkehr, auf den Behörden oder mit den türkischen Gewohnheiten selbst. Gerade im letzten Monat wurde ich da ganz besonder auf die Probe gestellt: Erst sperren sie mir meine Studenten-Transportkarte, was für mich deutlich höhere Transportkosten bedeutet, dann wollen sie mir an der Sprachschule zunächst nicht mein Erasmus-Status anerkennen - und das nur, weil ich an keiner türkischen Uni eingeschrieben bin, sondern "nur" ein Erasmus gefördertes Praktikum mache. Heißt das etwa, dass ich deshalb jetzt Geld im Überfluss habe? Nein! Und deshalb habe ich um meine Rechte gekämpft und durch meine Ausdauer, einem netten Lächeln und fünf Sätzen Türkisch auch gewonnen: Neue Studentenkarte und den Erasmus-Rabatt an der Sprachschule. Bingo!

Sieben Monate Istanbul, sieben Monate in einem Türkisch-sprachigen Land und welches Level kommt beim Einstufungstest an der Sprachschule heraus: Level sieben? Nein, Level drei von zwölf.  Tja "Türkçe zor"!  Aber gepaart mit meinem netten Lächeln klappt auch das bisschen Türkisch schon ganz gut, wie z.B. auf dem Bazar. Und dir Frau im Georgischen Restaurant hat mich dafür auch geliebt!


 Marihuana wurde mir letztens auch angeboten –  das lang dann aber leider doch nicht an meinen wunderbaren Türkischkenntnissen, sondern schlicht und einfach an Ricardas Dreadlocks. Ja dank ihrer Haarpracht wurde meine Besucherin in der Türkei von allen nur noch liebevoll „Hippie“ gerufen.
Seyda und ich gaben ihr dann auch kleinen Kanon an Lebensweisheiten aus Istanbul. Hier eine kleine Auswahl für euch:
  1. Die Männer sind toll hier. Nie könnte man sich als Frau begafft fühlen. Auch auf facebook stalken sie einen nie.
  2. Hier funktioniert immer alles super: Schuhe zurück geben, sich für einen Sprachkurs anmelden, eine neue Studenten-Transportkarte anmelden. Alles kein Problem. Keiner würde erwarten, dass man bspw. insgesamt fünf Mal zur Sprachschule läuft, nur um seine Anmeldung zu vollenden. Und natürlich sprechen alle Englisch. 
  3. In der Wohnung funktioniert immer alles einwandfrei. Niemand käme beispielsweise auf die Idee ohne Vorwarnung das Wasser abzudrehen. Und auch die Nachbarn selbst sind die Freundlichkeit in Person. Nie würde sich einer bei der Managerin des Hauses beschweren.
Naja zum Glück gab es neben anstrengenden Nachbarn & Co ja auch noch genügend andere Beschäftigungen für Ricarda und mich, wie z.B. Kino, Nutellafrühstück, Live-Musik und einen Sonntagsausflug auf die Prinzeninseln.



Das harte Training bei Remzi Hoca wird nun im Frühling durch solche Gerätschaften ersetzt!

Derzeit kann nichts meine Österliche Frühlingsfreude trüben, war der Ostersonntag doch ganz im Sinne des sogenannten Osterlachens. Wer schon mit „Tut mir auf die schöne Torte“ - da hatte wohl jemand schon an den leckeren Osterbrunch im Anschluss gedacht- begrüßt wird, der kann ja nur einen fröhlichen Tag erwarten. Und so war dem auch. Insgesamt war der Tag geprägt von Sonnenschein und interessanten Begegnungen, wie beispielsweise mit Illona Klautke, Künstlerin und ehemalige Pfarrersfrau (1975-1987) der evangelischen Kreuzkirche in Istanbul. Sie stellt dort gerade ihre muslimische und christliche Buchmalerei aus und schlägt für mich so auf ganz besondere Weise eine Brücke zwischen den beiden Religionen. Sie hatte eine sehr interessante Lebensgeschichte zu erzählen, aber irgendwann konnten wir uns dann doch von ihr losreißen. Weit kamen wir allerdings nicht. Im Gebäude nebenan befindet sich eine der ältesten armenisch-protestantischen Kirchen und neugierig wie wir sind, ließen wir uns von dem Küster hereinbitten und besuchten somit den zweiten Ostergottesdienst dieses Tages. Diesmal allerdings komplett auf Türkisch, was auch heißt, dass der Teespender im hinteren Teil der Kirche nicht fehlen durfte. Daran wurde sich auch während des Gottesdienstes frei bedient. Einen besonders schönen Anblick gab der kleine, kurzsichtige Priester, der zwar nicht der türkischen Sprache mächtig war, aber dennoch bei der türkischen Ansage des Abendmahl mit größtem Elan zu Momenten, die ihm (und wohl auch nur ihm) als passend erschienen, den Weinkrug und den Brotkorb durch die Luft schwenkte. Danach wurde - ihr könnt es ahnen - gegessen. Und im Anschluss daran durfte natürlich eine kleine Gesangseinlage des ökumenischen Chores nicht fehlen, denn wenn es etwas in Istanbul gibt, dann eine Ökumene: Katholiken singen in der armenisch-protestantischen Kirche, während der syrisch-orthodoxe Priester nebenan in der deutsch-evangelischen Gemeinde gemütlich bei Kaffee und Kuchen mit der Pfarrerin plaudert – das ist nur ein Beispiel von vielen.
Den Ostermontag durfte ich dank neuer Technologien auch mit meiner lieben Familie feiern und meinem Opa fröhlich über Sykpe zuprosten.

Frohe Ostern!


Armenisch-Protestantische Gemeinde, Istanbul
Enden kann mein Bericht allerdings nicht ohne meine liebe Aliye Teyze. Die ist frisch und munter wie eh und je, und hat mir letztens Unterschlupf gewährt, als ich ohne Schlüssel nach Hause kam. Ansonsten hielt sie Zeynep und Seyda fit durch zahlreiche Shoppingcenterbesuche, aus denen ich mich glücklicherweise immer herausreden konnte. Noch immer beendet sie meine Sätze, um mir dann im Anschluss zu sagen wie gut ich Türkisch spreche - selbstverständlich, wenn sie zwei Drittel meines Satzes selbst spricht. 
Übrigens trägt sie, wie ich mittlerweile festgestellt habe, auch tagsüber gerne ihren Pyjama und hält zahlreiche Nickerchen. Mensch, diese Frau wird mir immer sympatischer! Gestern hätte sie mich auch fast vor Freude erdrückt, weil ich daran gedacht habe, dass sie in zehn Tagen Geburtstag hat. Ihr Geschenkwunsch ist übrigens ein Büstenhalter aus Deutschland. Die hätten so eine tolle Qualität. Na, wer mag mir noch schnell einen rüber schicken? Spendenaktion für einen BH für Aliye Teyze?!

Seid gespannt auf neue Berichte! Liebe Grüße aus unserer Kosuyolu Caddesi,
eure Marina

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