Donnerstag, 4. April 2013

Eine Reise in den Osten

Hallo meine Lieben,

schon wieder ist ein Monat vergangen und, wenn man bedenkt, wie ich meinen letzten Post beendet habe und diesen nun beginne, scheint sich bei uns in der Kosuyolu Caddesi nichts geändert zu haben: Ja ich darf euch mitteilen, dass wir die letzten beiden Tage einmal wieder kein Wasser hatten. Dass wir diesmal vorgewarnt wurden, machte das Ganze auch nicht besser. Aber nun ja man wird ja so langsam erprobt und wir haben überall unsere Wassertanks eingerichtet.

Und natürlich hat sich etwas geändert: Der Frühling ist da! Seit einigen Tagen erstrahlt er in seinen schönsten Farben!


Tatsächlich scheint der anbrechende Frühling meine Stimmung zu heben, denn in den letzten Wochen hatte ich doch ziemlich mit dieser Stadt zu kämpfen: zu laut, zu viele Menschen, zu weite Wege, zu grau, zu rau. Es war als würde die Luft zum Atmen fehlen.
Aber jetzt, wo der Frühling da ist, scheint alles vergessen. Istanbul, du hast mich wieder!!
Vielleicht scheint meine seelische Genesung ja auch daran zu liegen, dass ich mir Ibn Sinas Heilmethoden schon zu eigen gemacht habe. Ibn Sina, über den ich ja auch meine Bachelorarbeit schreiben werde und zu dem wir im Sommer ein Symposium veranstalten, war einer der ersten Mediziner, der die besondere Verbindung zwischen Körper und Seele feststellte und auch in seine Heilmethoden integrierte. Er rät in seinem „Canon of Medicine“ beispielsweise zum Betrachten von schönen Landschaften als ein Genesungsweg. Und dem stimme ich voll und ganz zu, denn was ging mein Herz auf, als ich vom Dach des Kloster Deyrulzafran in Mardin auf die weite Ebene vor mir schauen konnte: Kein Häusermeer, kein Verkehr, keine Menschenmengen, kein Lärm! Einfach nur Weite!


Ja wie ihr seht, hatte Sophie und mich einmal wieder das Reisefieber gepackt. Diesmal hatte es uns in den Osten der Türkei, genauer gesagt nach Mardin, einer kleinen historischen Stadt in Mesopotamien, 20 km von der syrischen Grenze entfernt, verschlagen. Einer der ersten Eindrücke, die wir erhielten, war die eines Soldaten inmitten spielender Kinder - aber ansonsten hat man von der Nähe zu Syrien doch relativ wenig gemerkt, zumal es ein ganzes Stück weiter nord-östlich als Aleppo liegt und Mardin doch sehr touristisch geprägt ist.

Mardin

Mardin

Den Donnerstagabend nutzen wir für einen ersten Eindruck - zugegeben nur gezwungener Maßen dank unserer glorreichen Orientierungskünste - und erst am nächsten Tag erkundeten wir die Altstadt selbst. Im Anschluss daran machten wir dann eine kleinen Spaziergang zu dem nahe gelegenen syrisch-orthodoxen Kloster Deyrulzafran, wobei wir für unsere Wanderleidenschaft von den Türken wieder einmal nur kopfschüttelnd belächelt wurden.

Idylle

Kloster Deyrulzafran
Kloster Deyrulzafran

 Am darauffolgenden Tag besuchten wir das 90 km entfernte Diyarbakır, das kulturellen Zentrum der in der Türkei lebenden Kurden. Hier begegnete uns ein völlig anderes Stadtbild. Während Mardin freundlich und sauber und durch seinen traditionellen Baustil verträumt wirkte, so schien mir Diyarbakır genau das Gegenteil zu sein. Zudem wurden wir als zwei allein reisende junge Frauen natürlich aufs äußerste beäugt und auch durch die durchwegs gepanzerten Polizeiautos fühlten wir uns nicht gerade sicherer. Zu unserem Glück liefen wir an der Ulucami in drei junge Kurdinen, die Englisch auf Lehramt studieren. Nach einem verdutzten Blick über meine bombastischen Türkisch-Kenntnisse – ich muss übersetzt so etwas gesagt haben wie „Eingang Frauen für wo?“ (Oh Gott, ich spreche schon wie Aliye Teyze) - boten sie uns freundlich ihre Hilfe an und gaben uns eine kleine Führung durch Diyarbakır. Sie zeigten uns den dortigen traditionellen Tee und kurdische Literatur. Sie erzählten uns über das Leben in dieser Stadt, über ihre kurdische Identität - eine der dreien gehört zur Volksgruppe der Zaza- und ihre Träume von einem Erasmus Auslandssemester. Eine der jungen Frauen kam aus einem kleinen Dorf nahe des Ararat, die anderen beiden aus der Stadt selbst. Mit ihnen trauten wir uns dann auch in Gebiete außerhalb der Stadtmauer, in denen uns viele abgerissene und verfallene Häuser begegneten. Unser kleiner Rundgang endete, wie kann es in der Türkei auch anders sein, im Lokal des Onkels. Nachdem wir uns mit "Içli Köfte" und anderen traditionellen Gerichten der Region gestärkt hatten, machten wir uns auf den Weg zurück nach Mardin und auch unsere hilfsbereite Stadtführerin Meryem musste nach Hause aufbrechen, denn dort warteten ihre neun Geschwister auf sie.

Die Stadtmauer von Diyarbakır

Entlang der Stadtmauer

Içli Köfte & Co


Unsere Reise beendeten wir am Sonntag mit einem weiteren Rundgang durch Mardin. Wir durften uns sogar einen syrisch-aramäischen Gottesdienst anschauen. Ob orthodoxe oder protestantische Kirchen in der Türkei, eines scheint immer gleich zu sein: Nach dem Gottesdienst gibt es ein gemeinsames Essen! Leider hatten wir aber keine Zeit mehr, um zum Essen zu bleiben, denn wir wollten uns noch das Sabancı Museum anschauen, das echt empfehlenswert ist. Dort war gerade eine Ausstellung des Fotografen Ara Güler, der neben zahlreichen Porträts berühmter Persönlichkeiten mit vielen seiner Werke auch tolle Eindrücke in das Istanbul der 50er und 60er Jahre gibt.

Mardin

Zinciriye (Sultan Isa Medresi), Mardin

Mardin

Unser Weg zum Flughafen gestaltete sich als ein kleines Abenteuer. Da am Donnerstag, den 21. März das traditionelle kurdische Neujahrsfest Newroz stattfinden sollte, gab es an diesem Sonntag wohl schon so eine Art Vorveranstaltung. Eine Bühne war aufgestellt, um die eine riesige Menschenmenge versammelt war und überall waren die Farben Grün, Gelb und Rot zu sehen. Mitten in diesem Gedränge fanden wir glücklicherweise nach einigen Fehlversuchen dann auch endlich einen fast leeren Minibus. Doch das sollte nicht lange so bleiben. Nur zwei Minuten später waren wir mit unseren beiden Rucksäcken umzingelt von Menschen in Grün, Gelb und Rot und unser überfüllter Minibus machte sich auf den Weg in Richtung Süden. Wo genau sich der Flughafen befand wussten wir zu allem Übel natürlich auch nicht, und während Sophie schon unruhig wurde, bin ich mir der türkischen Sitten nun völlig bewusst. Einmal kurz eine Dame im Bus fragen, wo denn der Flughafen sei, und schon diskutiert der ganze Bus mit: Da wird nach vorne zum Fahrer gerufen, von weiter hinten meldet sich jemand zu Wort, einer tippt mir auf die Schulter und erklärt, es sei noch etwas weiter hinten... Und sobald der Fahrer auch nicht brav hält, ruft der ganze Bus empört auf. Nachdem diese Hürde geschafft war, hieß es dann auch nur noch auf dem kleinen Flughafen einchecken und die Türken für ihre Packkünste zu bewundern: Selbst Supermarkt-Plastiktüten können als Gepäck verwendet werden und bekommen einen Klebestreifen. 

Und so nahm auch diese Reise ihr Ende und Istanbul hatte mich wieder...

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