schon wieder ist ein Monat vergangen
und, wenn man bedenkt, wie ich meinen letzten Post beendet habe und
diesen nun beginne, scheint sich bei uns in der Kosuyolu Caddesi
nichts geändert zu haben: Ja ich darf euch mitteilen, dass wir die
letzten beiden Tage einmal wieder kein Wasser hatten. Dass wir
diesmal vorgewarnt wurden, machte das Ganze auch nicht besser. Aber
nun ja man wird ja so langsam erprobt und wir haben überall unsere
Wassertanks eingerichtet.
Und natürlich hat sich etwas geändert:
Der Frühling ist da! Seit einigen Tagen erstrahlt er in seinen
schönsten Farben!
Tatsächlich scheint der anbrechende Frühling meine Stimmung zu heben, denn in den letzten Wochen hatte ich doch ziemlich mit dieser Stadt zu kämpfen: zu laut, zu viele Menschen, zu weite Wege, zu grau, zu rau. Es war als würde die Luft zum Atmen fehlen.
Tatsächlich scheint der anbrechende Frühling meine Stimmung zu heben, denn in den letzten Wochen hatte ich doch ziemlich mit dieser Stadt zu kämpfen: zu laut, zu viele Menschen, zu weite Wege, zu grau, zu rau. Es war als würde die Luft zum Atmen fehlen.
Aber jetzt, wo der Frühling da ist,
scheint alles vergessen. Istanbul, du hast mich wieder!!
Vielleicht scheint meine seelische
Genesung ja auch daran zu liegen, dass ich mir Ibn Sinas Heilmethoden
schon zu eigen gemacht habe. Ibn Sina, über den ich ja auch meine
Bachelorarbeit schreiben werde und zu dem wir im Sommer ein Symposium
veranstalten, war einer der ersten Mediziner, der die besondere
Verbindung zwischen Körper und Seele feststellte und auch in seine
Heilmethoden integrierte. Er rät in seinem „Canon of Medicine“
beispielsweise zum Betrachten von schönen Landschaften als ein
Genesungsweg. Und dem stimme ich voll und ganz zu, denn was ging mein
Herz auf, als ich vom Dach des Kloster Deyrulzafran in Mardin auf die
weite Ebene vor mir schauen konnte: Kein
Häusermeer, kein Verkehr, keine Menschenmengen, kein Lärm! Einfach nur Weite!
Ja wie ihr seht, hatte Sophie und mich
einmal wieder das Reisefieber gepackt. Diesmal hatte es uns in den
Osten der Türkei, genauer gesagt nach Mardin, einer kleinen historischen Stadt in Mesopotamien, 20
km von der syrischen Grenze entfernt, verschlagen. Einer der ersten Eindrücke, die wir erhielten, war die eines Soldaten inmitten spielender Kinder - aber ansonsten hat man von der
Nähe zu Syrien doch relativ wenig gemerkt, zumal es ein ganzes Stück
weiter nord-östlich als Aleppo liegt und Mardin doch sehr
touristisch geprägt ist.
| Mardin |
Den Donnerstagabend nutzen wir für
einen ersten Eindruck - zugegeben nur gezwungener Maßen dank unserer glorreichen Orientierungskünste - und erst am nächsten Tag erkundeten wir die
Altstadt selbst. Im Anschluss daran machten wir dann eine kleinen Spaziergang zu dem nahe gelegenen syrisch-orthodoxen Kloster
Deyrulzafran, wobei wir für unsere Wanderleidenschaft von den Türken wieder einmal nur kopfschüttelnd belächelt wurden.
Am darauffolgenden Tag besuchten wir das 90 km
entfernte Diyarbakır, das kulturellen Zentrum der in der Türkei
lebenden Kurden. Hier begegnete uns ein völlig anderes Stadtbild.
Während Mardin freundlich und sauber und durch seinen traditionellen
Baustil verträumt wirkte, so schien mir Diyarbakır genau das
Gegenteil zu sein. Zudem wurden wir als zwei allein reisende junge
Frauen natürlich aufs äußerste beäugt und auch durch die
durchwegs gepanzerten Polizeiautos fühlten wir uns nicht gerade
sicherer. Zu unserem Glück liefen wir an der Ulucami in drei junge
Kurdinen, die Englisch auf Lehramt studieren. Nach einem verdutzten
Blick über meine bombastischen Türkisch-Kenntnisse – ich muss
übersetzt so etwas gesagt haben wie „Eingang Frauen für wo?“
(Oh Gott, ich spreche schon wie Aliye Teyze) - boten sie uns
freundlich ihre Hilfe an und gaben uns eine kleine Führung durch Diyarbakır. Sie zeigten uns den dortigen traditionellen Tee und
kurdische Literatur. Sie erzählten uns über das Leben in dieser Stadt,
über ihre kurdische Identität - eine der dreien gehört zur Volksgruppe der Zaza- und ihre Träume von einem Erasmus
Auslandssemester. Eine der jungen Frauen kam aus einem kleinen Dorf
nahe des Ararat, die anderen beiden aus der Stadt selbst. Mit ihnen
trauten wir uns dann auch in Gebiete außerhalb der Stadtmauer, in
denen uns viele abgerissene und verfallene Häuser begegneten. Unser
kleiner Rundgang endete, wie kann es in der Türkei auch anders sein,
im Lokal des Onkels. Nachdem wir uns mit "Içli Köfte" und anderen
traditionellen Gerichten der Region gestärkt hatten, machten wir
uns auf den Weg zurück nach Mardin und auch unsere hilfsbereite
Stadtführerin Meryem musste nach Hause aufbrechen, denn dort
warteten ihre neun Geschwister auf sie.
| Die Stadtmauer von Diyarbakır |
| Entlang der Stadtmauer |
| Içli Köfte & Co |
Unsere Reise beendeten wir am Sonntag
mit einem weiteren Rundgang durch Mardin. Wir durften uns sogar einen syrisch-aramäischen Gottesdienst anschauen. Ob orthodoxe oder
protestantische Kirchen in der Türkei, eines scheint immer gleich zu
sein: Nach dem Gottesdienst gibt es ein gemeinsames Essen! Leider
hatten wir aber keine Zeit mehr, um zum Essen zu bleiben, denn wir
wollten uns noch das Sabancı
Museum anschauen, das echt empfehlenswert ist.
Dort war gerade eine Ausstellung des Fotografen Ara Güler, der
neben zahlreichen Porträts berühmter Persönlichkeiten mit vielen
seiner Werke auch tolle Eindrücke in das Istanbul der 50er und 60er
Jahre gibt.
| Mardin |
| Zinciriye (Sultan Isa Medresi), Mardin |
| Mardin |
Unser Weg zum Flughafen gestaltete sich als ein kleines Abenteuer. Da am Donnerstag, den 21. März das traditionelle kurdische Neujahrsfest Newroz stattfinden sollte, gab es an diesem Sonntag wohl schon so eine Art Vorveranstaltung. Eine Bühne war aufgestellt, um die eine riesige Menschenmenge versammelt war und überall waren die Farben Grün, Gelb und Rot zu sehen. Mitten in diesem Gedränge fanden wir glücklicherweise nach einigen Fehlversuchen dann auch endlich einen fast leeren Minibus. Doch das sollte nicht lange so bleiben. Nur zwei Minuten später waren wir mit unseren beiden Rucksäcken umzingelt von Menschen in Grün, Gelb und Rot und unser überfüllter Minibus machte sich auf den Weg in Richtung Süden. Wo genau sich der Flughafen befand wussten wir zu allem Übel natürlich auch nicht, und während Sophie schon unruhig wurde, bin ich mir der türkischen Sitten nun völlig bewusst. Einmal kurz eine Dame im Bus fragen, wo denn der Flughafen sei, und schon diskutiert der ganze Bus mit: Da wird nach vorne zum Fahrer gerufen, von weiter hinten meldet sich jemand zu Wort, einer tippt mir auf die Schulter und erklärt, es sei noch etwas weiter hinten... Und sobald der Fahrer auch nicht brav hält, ruft der ganze Bus empört auf. Nachdem diese Hürde geschafft war, hieß es dann auch nur noch auf dem kleinen Flughafen einchecken und die Türken für ihre Packkünste zu bewundern: Selbst Supermarkt-Plastiktüten können als Gepäck verwendet werden und bekommen einen Klebestreifen.
Und so nahm auch diese Reise ihr Ende und Istanbul hatte mich wieder...
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