Achja was gibt es schöneres als nach
einem langen Tag und einer zweistündigen Busfahrt (für eine
Strecke, die man normalerweise, d.h. außerhalb Istanbuls, 45 Minuten
benötigt) nach Hause kommt, sich auf eine warme Dusche freut und
dann feststellt, dass das Wasser abgestellt ist. Immer noch! Und zwar
in ganz Kosuyolu! Es gibt nämlich Bauarbeiten im Nachbarstadtteil,
aber uns darüber informiert hat natürlich keiner. Angefangen hatte
es gestern Mittag und sollte heute um 17 Uhr wieder funktionieren.
Hätte ich mir ja denken können, dass das mal wieder türkische
Taktik ist. Immer schön auf morgen vertrösten. Also wenn das so
weiter geht, dann weiß ich ja schon, was ich bis Ostern faste.
Während meine beiden Mitbewohnerinnen
in weiser Voraussicht geflüchtet sind, werde ich mich dem Problem
stellen und habe mir jetzt einen Schlachtplan überlegt.
Also erstmal etwas gegen die Kälte
tun, denn bei 5 Grad Außentemperatur und schlechter Dämmung ist
eine nicht funktionierende Heizung doch nicht so der größte
Spaß...Mist, voller Enttäuschung musste ich gerade feststellen,
dass mein Vodka leider schon alle ist. Nunja dann müssen wohl doch
der Hagebuttentee und die Wärmflasche herhalten. Ein bisschen Wasser
haben wir ja noch in unserem Trinkwassercontainer. Nachdem sich die
Geschirrteller um mich türmen, werden Teller und Besteck jetzt nach
jeder Verwendung mit der Serviette grundgereinigt und im Bad haben
wir auch noch einen Behälter mit Wasser, zu dem uns Aliye Teyze vor
einiger Zeit geraten hatte - vielleicht kann sie ja in die Zukunft
schauen - und damit kann ich mir jetzt jeweils kleine Rationen für
die Katzenwäsche abfüllen. Mensch klingt doch gar nicht so schlecht
oder?
Neeein von wegen!! Istanbuuuuuul, heute
treibst du mich mal wieder in den Wahnsinn!!
Moment die Haustür klingelt...
Aliye Teyze, wer auch sonst. Die erste
Frage war, ob ich krank sei. Kein Wunder so wie ich aussehe. Denn ich
glaube meine Haare sind gerade noch öliger als das türkische Essen.
Und dass Aliye Teyze und ich ich das ganze Wasser Problem nochmal
lautstark über den Flur diskturiert haben, hat leider auch nicht
geholfen. Immer noch heißt es: Su yok! Kein Wasser!
Na wie schön, da bleibt mir ja ganz
viel Zeit euch einmal wieder Bericht aus Istanbul zu erstatten.
Seit drei Wochen bin ich ja nun im
Praktikum und mein erster Tag begann damit, dass mein Professor einen
Anruf vom Sohn des Minsiterpräsidenten Erdoğan bekam und beide über
meine Wohnsituation diskutierten – Studenten soll nämlich
demnächst eine kostenlose Wohnmöglichkeit bereit gestellt werden.
Nunja nach diesem Telefonat wusste ich dann auch, wer letztens nach
unserem Meeting – wir hatten uns vom Ibn-Sina Projekt getroffen,
zeitgleich war aber auch ein anderes wichtiges Treffen im anderen
Gebäude – mit Blaulicht und Geleit vorgefahren war.
Seitdem war mein Praktikum aber eher unspektakulär. Denn bisher bestand es eigentlich hauptsächlich aus Recherchearbeit zu Ibn Sina, damit ich bald ein Thema für meine Bachelorarbeit anmelden kann. Meine Arbeitszeiten kann ich mir frei legen, aber ob das Segen oder Fluch ist weiß ich noch nicht so ganz. Anfangs hatte ich das Büro sogar ganz für mich alleine, bis eines Tages plötzlich Halil Bey wie aus dem Hut gezaubert in meinem Büro saß und erklärte er sei jetzt hier als Übersetzer angestellt. Und so sind es nun Detlev, Halil Bey und ich in diesem riesigen Gebäude, das ansonsten nur vom Wachpersonal genutzt wird. Da es Detlev in seinem großen Büro manchmal etwas langweilig wird, kommt er dann rüber zu uns und wir halten Kaffeeklatsch. Auf wissenschaftlicher Ebene versteht sich. Außerdem habe ich unter dem Wachpersonal auch schon meinen Kumpanen. Der bewacht meine Milch im Kühlschrank und, damit sie keiner klaut, soll ich sie immer zu seinen Sachen stellen. Das Beschützen meiner Milch macht er super und außerdem bringt er uns immer Tee ins Büro. Aber auch an meinem zweiten Arbeitsplatz, der Bibliothek des christlich-muslimischen Forums in Istanbul, geführt von der österreichischen St. Georges Gemeinde, habe ich schon meine Verbündete: die Sekretärin Rita Hanim. Bei meinem ersten Besuch war sie, wie sie mir (und wohl nicht nur mir) ohne Umschweife erzählte, sehr erkältet und kaum einer begrüßte sie ohne „Gecmis olsun! Gute Besserung!“. Und damit ich zumindest schön gesund bleibe, hat sie mir dann auch die Hälfte ihrer Orange geschenkt.
Seitdem war mein Praktikum aber eher unspektakulär. Denn bisher bestand es eigentlich hauptsächlich aus Recherchearbeit zu Ibn Sina, damit ich bald ein Thema für meine Bachelorarbeit anmelden kann. Meine Arbeitszeiten kann ich mir frei legen, aber ob das Segen oder Fluch ist weiß ich noch nicht so ganz. Anfangs hatte ich das Büro sogar ganz für mich alleine, bis eines Tages plötzlich Halil Bey wie aus dem Hut gezaubert in meinem Büro saß und erklärte er sei jetzt hier als Übersetzer angestellt. Und so sind es nun Detlev, Halil Bey und ich in diesem riesigen Gebäude, das ansonsten nur vom Wachpersonal genutzt wird. Da es Detlev in seinem großen Büro manchmal etwas langweilig wird, kommt er dann rüber zu uns und wir halten Kaffeeklatsch. Auf wissenschaftlicher Ebene versteht sich. Außerdem habe ich unter dem Wachpersonal auch schon meinen Kumpanen. Der bewacht meine Milch im Kühlschrank und, damit sie keiner klaut, soll ich sie immer zu seinen Sachen stellen. Das Beschützen meiner Milch macht er super und außerdem bringt er uns immer Tee ins Büro. Aber auch an meinem zweiten Arbeitsplatz, der Bibliothek des christlich-muslimischen Forums in Istanbul, geführt von der österreichischen St. Georges Gemeinde, habe ich schon meine Verbündete: die Sekretärin Rita Hanim. Bei meinem ersten Besuch war sie, wie sie mir (und wohl nicht nur mir) ohne Umschweife erzählte, sehr erkältet und kaum einer begrüßte sie ohne „Gecmis olsun! Gute Besserung!“. Und damit ich zumindest schön gesund bleibe, hat sie mir dann auch die Hälfte ihrer Orange geschenkt.
In den letzten Wochen war ich aber
neben der Recherche für meine Bachelorarbeit vor allem im
religionswissenschaftlichen Bereich aktiv. Ich besuchte mit Silvia
einen Sufiorden in Fatih, war einmal wieder in der Gemeinde in
Besiktas, hab mich mit den amerikanischen Missionaren getroffen, die
österreichische Gemeinde besucht und das dortige
christlich-muslimische Forum kennengelernt.Und außerdem habe ich
nach einem Konzert in der evangelischen Gemeinde bei meiner
Kommilitonin Kirsten im Gemeindehaus übernachtet. Und wie könnte es
anders sein, haben wir mit dem Pfarrersehepaar den Bremer Tatort
geschaut, sind in Erinnerungen an die Heimat geschwelgt und am
nächsten Morgen gab es zum Frühstück sogar Schinken.
Ja wie ihr seht, war ich so viel
unterwegs, dass es aus der Kosuyolu Caddesi kaum etwas zu erzählen
gibt. Selbst bei Aliye Teyze bin ich momentan so selten, dass sie mir
mein Sudoku aus ihrer Tageszeitung schon rüber bringt. Und außerdem
liebt sie mich viel zu sehr, als dass sie darüber böse wäre, denn
wie sie letztens Seyda und Zeynep erklärte „ich sei ja ganz
alleine hier, so ohne Familie. Ich könnte ja nicht so einfach in den
Bus steigen und zu meinen Eltern fahren.“ Und ja damit hat sie gar
nicht so unrecht. In letzter Zeit hätte ich des öfteren nichts
dagegen gehabt dem rauen Istanbul mit seinem Lärm, seinem Trubel,
seinen weiten Strecken und seinen aufdringlichen Männern in die
Vertrautheit der eigenen Familie zu entkommen. Ja gerade letzterer
Punkt stach mir in diesen Tagen besonders hervor. Als europäisch
aussehende Frau wird man von den Männern häufig als willige
Frischware gesehen, und dabei bleibt es bei einigen Frauen, wie ich
aus Gesprächen mit diesen erfahren habe, nicht nur beim
Anstarren und blöde Sprüche reißen. Das ist definitiv ein
negativer Punkt dieser Stadt. Aber macht euch keine Sorgen. Ich
trainiere ja bei Rehmzi Hoca! Und zur Erholung nehmen mich Bekannte
jetzt auch ab und zu mit ins Spa.
Ja ansonsten habe ich mich die letzten
Wochen auf verschiedenen Vortragsveranstaltungen und Konzerten
herumgetrieben und dort jeweils umsonst leckere Köstlichkeiten
abgestaubt. Am flinkesten darin sind die Besucher des
österreichischen Kulturforums, wie ich gestern durch geschultes
anthropologisches Beobachten festgestellt habe. Aber es gibt auch
welche die lassen sich ihre Zeit. Wie das süße britische Ehepaar,
das gestern in Seelenruhe ein Foto von uns machte, während der Mann
seine Ehefrau fragte: „Is the photo alright, darling?“ - „Yes
it's wonderful darling. You just cut their heads“. Na das ist ja
auch das unwichtigste auf dem ganzen Foto! Irgendwann hat es aber dann doch noch
geklappt mit dem Kopf, nur mit unserer Ernsthaftigkeit war es dahin.
| Sieg beim Kampf um die Häppchen |
| Foto der Ausstelung mit dem Titel "Geburtstag" - erinnert mich irgendwie daran, wie Vanessa und ich früher immer mit imaginären Gästen Kaffeekränzchen gespielt haben |
| Das nenne ich mal einen Kronleuchter! |
Und so vergeht die Zeit hier in
Istanbul ganz schnell und schon wieder ist ein Monat vorbei... mal
schauen, was der März so bringt...
… ahaaa anscheinend sogar Wasser aus
der Leitung. Ich glaub es kaum. Der Wasserhahn läuft. Jetzt heißt
es keinen Zeit verlieren. Ahoi! Ich muss los! Duschen! Geschirr spülen
und die Türken dafür beglückwünschen, dass sie es dieses Mal
nicht wieder auf morgen verschoben haben!
ich weiß was der März bringt...
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