Mittwoch, 19. September 2012

Europa-Asien

Hallo meine Lieben,

Endlich finde ich Zeit mal wieder zu berichten. Also nach 11 Tagen im wunderschönen Besiktas habe ich mich am 8.September auf den Weg nach Asien gemacht, um dort mein neues Zuhause zu beziehen.
Eingezogen bin ich bei Seyda und Zeynep, zwei Türkischen Studentinnen. Allerdings mussten wir für meinen Einzug noch die Vormieterin meines Zimmers loswerden. Doch nicht nur die sollten wir an diesem Tag los werden, sondern auch zwei unserer Sofas, die besten Küchengeräte, die Herdplatten und das Internet . Etwas betröppelt saßen wir daher am Samstag Abend in unserem plötzlich sehr leeren Wohnzimmer. Doch nicht lange, dann kam der Hausmeister Dogan und die Nachbarin Aliye Teyze (Tante Aliye) vorbei, meine Möbel wurden aufgebaut und der neuste Tratsch ausgetauscht.


Und seitdem war die ganze Woche was los bei uns in der Kosuyolu Caddesi; täglich kommt Aliye Teyze mit dem neusten Neuigkeiten vorbei, wobei wir immer super wortgewandte Gespräche führen: Da sie weder Englisch, noch ich Türkisch sprechen kann, beschränken sich unsere Gespräche auf gefühlte zwei Wörter und einfach alles ist "cok güzel" (= sehr schön): Dolap (Schrank) cok güzel, yatak (Bett) cok güzel, yemek (Essen) cok güzel. Achja so einfach kann das mit dem Türkisch sein, ist einfach alles schön! Ja ansonsten kam Dogan mit einem neuen Sofa vorbei und zusammen mit Furkan, Seydas Freund, der auch die letzte Woche bei uns verbrachte, wurde das Wohnzimmer bestimmt fünf mal umgeräumt. Daneben wurde ich in die türkische Soap-Welt eingeführt und durch von Furkan vorgetragene deutsche Gedichte oder türkische Märchen bestens unterhalten. Alles in allem werde ich hier sehr gut behütet und umsorgt: jeden Tag bringen sie mir etwas neues für mein Zimmer mit. Und vom Fleisch fallen werde ich bei den türkischen Kochkünsten und den Öl-Mengen auf keinen Fall. Aliye Teyze hat uns natürlich auch gleich mit ihrem leckeren „dolma“ (gefüllte Paprika) versorgt und der Tag beginnt meistens mit einem großen Frühstück!


Kommen wir zu meiner Uni. Vor zwei Wochen hatte ich eine erste Einführung, gefolgt von weiteren Tagen der Organisation und des Herumirrens in Istanbul, um die jeweilige Behörde für Transportation Card, Aufenthaltsgenehmigung etc. zu finden. Wenn man nach dem Weg fragt, wird man auch immer erstmal ein Stück begleitet und dann in die jeweilige Richtung weitergeschickt – vermutlich würde eine Wegerklärung auch nicht genügen, da man mit Englisch hier eh schlecht bestellt ist, selbst auf der Ausländerbehörde! Irgendwie ziemlich unlogisch da jemanden hinzusetzen, der kaum ein Wort Englisch versteht, aber nunja. Sowieso wird man, selbst wenn man sagt “Türkce bilmiyorum“ (Ich spreche kein Türkisch) weiter auf Türkisch bequatscht.
 Und ja wie sollte es anders sein: Erster Uni-Tag und totales Verkehrschaos, aber naja das scheint hier normal zu sein; auch dass mein Bus manchmal einfach eine andere Route nimmt und nicht an meiner Haltestelle vorbeikommt. Die letzten Morgende war ich daher schon völlig erschöpft bevor der Tag überhaupt so richtig begonnen hatte. Entweder der Bus kam nicht, hielt nicht oder wenn er dann doch kam, dann ging es nur im Schneckentempo voran. Und all diese Strapazen nahm man auf sich um dann an der Uni festzustellen, dass der angekündigte Kurs heute eh nicht stattfindet. Welcome to Turkey!


Unsere Uni gleicht einer eigenen kleinen Stadt. Das Gelände ist abgesperrt und man kommt nur durch ein Sicherheitstor herein. Und alles, was auf dem Campus vor sich geht, geschieht unter den wachsamen Augen Atatürks, den wir der Diskretion wegen liebevoll nur "Peter" nennen. Es scheint kein Entkommen vor ihm zu geben, er ist überall – obwohl auf der Toilette hängt kein Bild! Immerhin das darf ich ohne die wachenden Augen von Peter!


Natürlich war ich auch eine brave Erasmus Studentin und habe an der organisierten Tour durch das Sultan Ahmet Viertel teilgenommen, die Hagia Sophia, die Basilika und den Topkapi Palast besucht und Köfte gegessen. Das Efes Bier habe ich auch schon probiert und in Carefour, einem Supermarkt im Nautilus Shopping Center, das gleich bei uns um die Ecke ist, Rotwein für 8,50 Lira entdeckt, der tatsächlich schmeckt – ein absolutes Schnäppchen hier müsst ihr wissen. Bei den Preisen für Kosmetikartikel und Alkohol wird mir hier nämlich ganz anders.


Meine neue WG ist super, ich möchte Türkisch lernen, Seyda Deutsch und Zeynepp Englisch, so dass wir am Ende immer alle drei Sprachen durcheinander schmeißen. Gelacht wird bei uns auch viel, so z.B. als bei unserem meist gemeinsamen Abendessen (wir kaufen nämlich zusammen ein und kochen auch gemeinsam) das Licht plötzlich ausging und wir schnell Kerzen holten – Stromausfall. Das kann in der Türkei anscheinend öfters passieren, hatte mir Alexandra auch schon erklärt. Nunja da saßen wir und saßen wir und saßen wir und das Licht wollte einfach nicht mehr angehen. Tja auf die Idee, dass die Glühbirne durchgebrannt war, kamen wir Schlaufüchse natürlich nicht. Nunja nachdem wir das dann endlich bemerkt hatten, ging es schnell vor den Fernseh: jeden Mittwoch schauen wir jetzt nämlich eine dreistündige türkische Soap die zu Zeiten des Sultanats spielt: Um die zu verstehen braucht man auch nicht viel Sprachkenntnis. Meine beste Türkisch-Lehrerin ist eh Aliye Teze. Jeden Tag schaut sie bei uns vorbei. Und jeden Tag bekommen wir einen Satz mehr zustande. Naja sie liebt mich eh, wie sie mir mindesten fünfmal am Tag versichert :) „Kizim benim, seni seviyorum!“ -Meine Tochter, ich liebe dich!“ Und danach kommt natürlich „cok güzel“ - ohne das geht’s nicht.


Das hier sind Zeynep und Seyda. Ich finde wir sind ein ganz gutes Trio. Mir wird auch ständig gesagt, ich sehe Türkisch aus. Hatte ich das meinen Türkisch-Lehrer in Deutschland noch nicht geglaubt, so tue ich das langsam doch.

Solche Flaschen, in denen Flaschendeckel gesammelt werden, hängen auch an jeder Sraßenecke und seit ich gehört habe, dass deren Erlös Menschen im Rollstuhl unterstützt, sammle ich wie verrückt!



Am Wochenende habe ich es dann endlich mal richtig nach Taksim geschafft. Samstags waren wir auf einem kleinen Festival mit vorherigem Brunch und Sonntags war ich mal wieder in die Gemeinde nach Besiktas eingeladen. Nachdem es Essen und noch mehr Essen gab (typisch Türkisch also!)ging es dann in eine Bar nach Taksim, weil für Erman eine kleine Abschiedsrunde geplant war. Er wird für 15 Monate seinen Militärdienst machen. Hatte ich eine kleine gesellige Runde erwartet, so hatte ich mich getäuscht: Noch ging es langsam los, aber dann wurden auf einmal die türkischen Volkstänze ausgepackt und die muss das deutsche Mädel natürlich unbedingt lernen. Haha also die Christen hier, die gehen ab! Das war ein Spaß.



So ihr Lieben, ich muss jetzt wieder zurück zu meiner türkischen Soap.

Bis die Tage,

Marina

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen